«Wir müssen aufhören, uns zu belügen»

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Claus-Heinrich Daub



Ein nachhaltiger Lebensstil ist en vogue: Wir zeigen uns auf Social Media und in der Öffentlichkeit gerne von unserer besten Seite. Und trotzdem – in der Schweiz steigt die Anzahl Flugreisen, der Fleischverzehr sinkt nur wenig, wir sind immer noch Weltmeister in der Pro-Kopf-Abfallmenge, das Konsumverhalten ist ungebremst. 


Warum wir uns selbst belügen, wenn es um Nachhaltigkeit geht, und ob wir als einzelne oder als Unternehmen etwas ändern können, haben wir im Interview mit Prof. Dr. Claus-Heinrich Daub, Soziologe und Experte für nachhaltige Unternehmensführung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, erörtert.



Wie steht es um unsere Welt? 

Der momentan grösste Irrglaube ist, dass es gar nicht so schlimm um unsere Welt stehe, dass wir noch viel Zeit hätten und dass sich ohne grosses Zutun alles zum Guten wenden könne. Das ist schlicht falsch! Wir haben gemäss wissenschaftlichen Berechnungen nur noch rund zehn Jahre Zeit, um den Hebel umzulegen. Zehn Jahre, um den Temperaturanstieg zu drosseln und die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Um das zu erreichen, müssen wir alle gemeinsam anpacken. 



Was heisst das konkret?

Wir können die nächsten Jahre nutzen oder nicht. Wenn wir nichts oder zu wenig tun, dann müssen wir mit einem Temperaturanstieg von drei, im schlimmsten Fall sogar von vier bis sechs Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts rechnen. Dies wird einen extremen Einfluss auf unser Leben haben. Menschen aus Regionen, die bis dahin unbewohnbar geworden sind, werden sich auf den Weg in gemässigtere Zonen machen. Und wir werden viel öfter eine entfesselte Natur in Form von Stürmen oder Hochwassern erleben. Spätestens nachdem die zehn Jahre ungenutzt verstrichen sind, werden wir gezwungen sein, uns noch viel schwierigere und auch teurere Lösungen zu überlegen. 



Sind neue Wege und Lösungen, dass wir auf Röhrli, etwas Fleisch und den Kurztrip nach Mallorca verzichten?

Es ist einfach: Alle von uns – vor allem in den westlichen Ländern – tragen ihren Teil zur Umweltkrise bei. Wer heute noch behauptet, der Mensch sei nicht die Ursache, ist in der Steinzeit hängengeblieben. Es gibt grosse Posten in der Nachhaltigkeitsbilanz und es gibt kleinere. Egal, wo man beginnt, es ist immer ein Schritt. Jedoch genügt es nicht, einfach nur ab und zu etwas Gutes zu tun. 



Bedeutet denn Nachhaltigkeit generell Verzicht?

Ja und nein. Kurzfristig gesehen erscheint seltener zu fliegen oder die Alternativen zu Fleisch auf dem Mittagsteller wie ein Verzicht. Längerfristig gesehen kann sich der vermeintliche Verzicht jedoch positiv auswirken – beispielsweise auf die Gesundheit. Das grosse Problem liegt darin, dass wir uns in unserem Handeln selbst täuschen.



Wie meinen Sie das?

Wir verzichten zum Beispiel manchmal demonstrativ, das gibt uns ein gutes Gewissen. Im Gegenzug belohnen wir uns dann jedoch mit etwas weniger Nachhaltigem oder wir sind weniger konsequent in einer unserer Entscheidungen. Das führt aus Sicht unserer Auswirkungen zu einem Nullsummenspiel oder schadet sogar mehr, als es nützt.



Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Ein gutes Beispiel findet man bei der E-Mobilität. Nehmen wir die E-Scooter. In den Städten kann man sie problemlos in den öffentlichen Verkehr integrieren, und sie stellen im Prinzip eine gute Alternative zum Auto dar. Im Einsatz zeigt sich aber, dass sie hauptsächlich dafür verwendet werden, um das Laufen, also die Muskelkraft, zu ersetzen, nicht aber das Auto. Das heisst, für eine Strecke, die bis anhin zu Fuss zurückgelegt wurde, wird ein elektrisch betriebenes Fahrzeug verwendet. Ist es ein Mietfahrzeug, wird dieses zu allem Überfluss dann am Abend noch von einem Lieferwagen eingesammelt, um irgendwo zentral wieder aufgeladen zu werden. Dies alles führt zu einer negativen Bilanz. Kommt hinzu, dass das Auto weiterhin benutzt wird und der ÖV Konkurrenz erhält.



Wo kann man dies sonst noch beobachten?

Ähnliches lässt sich bei den Flugreisen beobachten: Wir Schweizer fliegen sehr viel – egal ob Kurz- oder Langstrecken. Es bestünde ja die Möglichkeit, die zurückgelegten Flugmeilen freiwillig zu kompensieren...



Wäre das Fliegen mit der Kompensation so falsch? 

In der Theorie wäre das Kompensieren ein richtiger Schritt. Aber erstens verleitet es dazu, auch dann zu fliegen, wenn es nicht nötig wäre, weil man sich ja quasi freikaufen kann, und zweitens kompensiert in der Praxis praktisch niemand. So etwas wie «Flugscham» ist bei uns noch nicht so wirklich angekommen. Faktisch gesehen, und das belegen die Zahlen des Flughafen Zürichs, fliegen immer noch extrem viele Menschen. Immerhin zeigen sich in jüngster Zeit auch erfreuliche Tendenzen. So nehmen sich immer mehr Leute vor, beispielsweise nur alle zwei Jahre und dafür für sechs Wochen die Ferien zu fahren. 



Das heisst, wir belügen uns, um ein reines Gewissen zu haben?

Genau. Ich habe es vorhin bereits mit der E-Mobilität angesprochen – wir nennen dieses Phänomen den Rebound-Effekt. Er besagt, dass das reale Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen meist nicht ausgeschöpft werden kann oder sogar zu einem Mehrverbrauch führt. Ein klassisches Beispiel sind Bildschirme: Natürlich sind Flatscreens um ein Vielfaches effizienter als das alte Röhren-Fernsehgerät. Allerdings sind die Geräte heute um ein Vielfaches grösser, und die Menschen haben statt eines Apparats in der guten Stube gleich mehrere davon im Haus verteilt. Es gibt aber auch eine Art psychologischen Rebound-Effekt: Wir tun etwas Gutes für die Umwelt und belohnen uns anschliessend dafür mit einer kleinen «Umweltsünde». Psychologisch ist dies natürlich nachvollziehbar, aber leider ist es eben nicht nachhaltig. Wir müssen aufhören, uns zu belügen, und sollten uns einfach eingestehen, dass wir ab und zu auch einmal eine nicht nachhaltige Entscheidung getroffen haben.

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Dies würde bedeuten, dass wir wirklich konsequenter verzichten müssten. Können wir das?

Es kommt auf die Dienstleistung oder das Gut an. Wenn es uns einfach gemacht wird, dann fällt uns ein Verzicht oder ein zusätzlicher Aufwand nicht schwer. Nehmen wir zum Beispiel Recycling. Die Mülltrennung fällt den meisten sehr leicht, weil sie mit wenig Zusatzaufwand verbunden ist. Beim Verzicht auf Fleisch wird es schon etwas kritischer, aber auch da ist es noch relativ einfach, ab und zu auf Alternativen auszuweichen. Beim Fleisch findet dieser Verzicht aber vor allem statt, weil das Bewusstsein für die eigene Gesundheit gestiegen ist. Dann kommt das Tierwohl ins Spiel, und erst zum Schluss spielt auch noch der Klimaschutz eine Rolle.



Aber beim Fliegen ist es nicht so einfach.

Genau, der Verzicht aufs Fliegen fällt vielen wahnsinnig schwer. Das Verreisen ist ein heute zur Selbstverständlichkeit gewordener, vorübergehender Ausbruch aus dem Alltag. Doch auch die alltägliche Mobilität ist heute kaum mehr wegzudenken. Darum wäre es sehr wichtig, dass der Staat hier regulierend eingreift und klimaschädliche Formen der Mobilität verteuert. Solange aber die Politik nur wenig unternimmt, sind wir als Bürgerinnen und Bürger gefragt.


Was halten Sie von Bewegungen wie dem Schülerprotest «Fridays for Future»?

Bewegungen kommen vor allem dann auf, wenn eine gesellschaftliche Situation schlecht ist oder einzelne Gruppen unzumutbar stark benachteiligt werden. Die Gewerkschaftsbewegung entstand zum Beispiel aus einer Situation, in der es Arbeitern schlecht ging. Heute formieren sich Bewegungen wie «Fridays for Future», weil die Jugend ihr Recht einfordert, dass wir den Planeten nicht auf ihre Kosten ruinieren. 



Gerade «Fridays for Future» setzt sich für ein Umdenken in der Politik sowie bei Unternehmen ein. Denken Sie, die Klimajugend kann etwas bewegen?

Ja, hoffentlich! Hier engagieren sich die Jungen für ihre Zukunft und protestieren gegen das Verhalten der älteren Generation. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, doch die nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen sind immer davon ausgegangen, auf der Seite der Guten zu stehen. Jetzt müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass die Jugend gegen sie aufbegehrt. Ich hoffe, dass solche Bewegungen noch breiter werden und sich politisch durchsetzen.


Und was machen die Unternehmen?

Gewisse Unternehmen reagieren auf den gesellschaftlichen Druck. Jedoch noch lange nicht alle. Oftmals wird die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung als Zumutung betrachtet. Vor allem, wenn sich ein Engagement finanziell nicht rechnet. Das ist nachvollziehbar, denn ein Unternehmen ist Teil eines kapitalistischen Wirtschaftssystems. Aber: Mit Nachhaltigkeit und einem sinnvollen Engagement können auch neue Kunden gewonnen werden, die Wert darauf legen und bereit sind, mehr zu bezahlen.



Gibt es ein nachhaltiges Unternehmen in der Schweiz? 

Nein, es gibt höchstens nachhaltigere unter ihnen. Es gibt solche, die mehr machen, als sie müssten und dadurch auch positiv auffallen – wie zum Beispiel Weleda oder Coop. Es ist immer ein Abwägen, wie viel Nachhaltigkeit noch ökonomisch ist. 



Und wie schätzen Sie die Schweizerische Post ein?

Die Post gehört zweifellos zu denjenigen Unternehmen, die im Rahmen des Möglichen sehr viel machen – vor allem auch im internationalen Vergleich. Und die Post zeigt immer wieder, dass sie über die obligatorischen Pflichten hinaus Nachhaltigkeit fördert. Eine Herausforderung der Post ist, dass sie aufgrund ihres Service-public-Auftrags speziell auch auf ihre ökonomische Verantwortung hinweisen muss. Die Bevölkerung will natürlich hören, dass die Post sozial und ökologisch handelt, sie soll jedoch auch ökonomisch handeln und mit ihren finanziellen Mitteln verantwortlich umgehen. 



Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Einerseits wünsche ich mir eine noch viel aktivere, viel lautere Jugend, die uns allen sagt, dass wir so nicht weitermachen können. Und ich wünsche mir Unternehmen, die ein Vorbild für andere sind. Unternehmen, die konsequent nachhaltiges Management betreiben und aufzeigen, wie es richtig geht. Zudem würde ich mir wünschen, dass die Politik authentischer wird und bereit ist, auch die unangenehmen Dinge anzusprechen – mit dem Risiko, Macht zu verlieren. Ich wünsche mir Politikerinnen und Politiker, denen es egal ist, ob sie ihre Position und ihre Macht verlieren, weil sie ehrlich und direkt sagen, was gesagt werden muss. Und schliesslich wünsche ich mir mehr Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft, die sich wie ich bei den «Scientists for Future» engagieren und den jungen Leuten die Fakten liefern, die sie zur Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen benötigen.



Herzlichen Dank für das sehr spannende und aufschlussreiche Gespräch.


Über Claus-Heinrich Daub

Der promovierte Soziologe forscht seit 20 Jahren in den Bereichen nachhaltige Unternehmensführung (Corporate Sustainability), gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility), strategisches Marketing nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen, nachhaltiger Konsum, Sustainable Entrepreneurship und Social Entrepreneurship. Claus-Heinrich Daub ist zuletzt 2004 geflogen und ernährt sich biologisch und vegan. Jährlich legt er als passionierter Trailrunner rund 2500 Kilometer zu Fuss zurück, wofür er drei Paar fabrikneue Schuhe benötigt. Er versucht, dies durch den konsequenten Kauf von Secondhand-Kleidung auszugleichen.