«Nachhaltigkeit fordert Weitblick»

Warum es sich lohnt, ins Gespräch zu kommen



Nachhaltigkeit wird in unserer Gesellschaft heiss diskutiert. Nicht nur auf privater, sondern auch auf geschäftlicher Ebene. Und Unternehmen werden vermehrt aufgefordert, ihren Beitrag zu einer nachhaltigeren Entwicklung zu leisten. Betrifft das Thema Nachhaltigkeit denn nur Unternehmen? Oder doch uns alle?


Wir sprachen mit Anne Wolf, Leiterin Corporate Responsibility der Schweizerischen Post, über die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, die Entwicklungen innerhalb der Post und wo in Zukunft angesetzt werden sollte.



Der Begriff Nachhaltigkeit ist seit geraumer Zeit omnipräsent. Verstehen wir alle das Gleiche darunter?

Es gibt tatsächlich unzählige Definitionen für den Begriff Nachhaltigkeit. Erstmals tauchte das Prinzip der Nachhaltigkeit im 18. Jahrhundert auf. Damals waren die mitteleuropäischen Wälder wegen des Bevölkerungswachstums stark übernutzt. Ein geregelter Waldbau war notwendig, ein nachhaltiger Umgang mit der Ressource Holz. Viele denken bei Nachhaltigkeit meist in erster Linie an Ökologie, also an den Ressourcenschutz. Das ist aber nur eine von drei Dimensionen der Nachhaltigkeit.



Was sind die anderen zwei Dimensionen?

Nachhaltigkeit definiert sich aus den drei Ebenen Ökologie, Ökonomie und soziale Verantwortung. Dann, wenn alle drei Dimensionen berücksichtigt werden, spricht man auch von «nachhaltiger Entwicklung», ein Begriff, den ich sehr treffend finde. Dabei geht es darum, dass wir unsere heutigen Bedürfnisse befriedigen, ohne die zukünftigen Generationen zu beeinträchtigen.



Können Sie das Zusammenspiel der drei Dimensionen anhand eines Beispiels aufzeigen?

Nehmen wir eine Kurzstrecken-Flugreise: Aus rein ökologischer Sicht macht ein Kurzstreckenflug keinen Sinn. Aus ökonomischer Sicht allenfalls schon, weil ein solches Flugticket günstiger ist als ein Zugbillett für die gleiche Strecke. Denn die externen Kosten werden nicht mitbezahlt, also konkret die Auswirkungen auf die Umwelt. Ausserdem können wir anhand dieses Beispiels über soziale Aspekte diskutieren: Welchen Wert hat die kürzere Reisezeit bei Flugreisen oder welchen Stellenwert hat der Reisekomfort? Dabei haben wir aber noch nicht über die Auswirkungen wie Fluglärm oder den Flächenverbrauch von Flughäfen oder Bahninfrastrukturen gesprochen. Der Einbezug der verschiedenen Perspektiven bringt mehr Komplexität und die Frage mit sich, welches Gewicht wir welchem Aspekt in der Entscheidungsfindung geben.



Wenn wir bei unseren Entscheidungen jeweils all diese Dimensionen berücksichtigen würden – bräuchte es dann die CR als Fachbereich noch?

In einer idealen Welt bräuchte es sie wahrscheinlich nicht mehr. Nachhaltigkeit wäre fest im unternehmerischen Denken und Handeln verankert: Vom ersten Konzeptstrich bis zum eigentlichen Produkt oder zur Dienstleistung würden die drei Dimensionen berücksichtigt. Die Vorstellung, dass alle Zielkonflikte dauerhaft aus dem Weg geräumt werden können, ist zwar erstrebenswert, aber utopisch.



Gibt es innerhalb von Unternehmen ein Umdenken?

Man kann beobachten, dass der Bereich Nachhaltigkeit mit der Entwicklung multilateraler Zielsetzungen seit Ende der 90er-Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Jedes Unternehmen gewichtet die Unternehmensverantwortung jedoch je nach Branche und Geschäftszweck unterschiedlich. Ich persönlich würde mir wünschen, dass die Corporate Responsibility immer weniger als das fünfte Rad am Wagen betrachtet wird.


Wie sieht es bei der Schweizerischen Post aus?

Wir sind seit mehr als zehn Jahren sehr konkret an den verschiedenen Themen der Nachhaltigkeit dran. Davor drehte sich die Diskussion eher um die Grundsatzfrage, ob ein Unternehmen überhaupt etwas zur nachhaltigen Entwicklung beitragen müsse und ob sich dies lohne. Heute sind wir über das «Ob» schon lange hinweg. Wir diskutieren über das «Wie»: Wie können wir uns wo engagieren? Wie und wo sollten wir unseren Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten?



Und wie zeigt sich dies in der Umsetzung?

Als Unternehmen – vor allem als Grosskonzern – muss man Verantwortung übernehmen und mit gutem Vorbild vorangehen. Die Post engagiert sich in vielen Bereichen. Zum Beispiel sind wir seit Jahren daran, die Gebäude, die im Besitz der Post sind, nach höchsten Nachhaltigkeitsstandards zu renovieren oder zu bauen. Ein weiteres Beispiel aus unserem Arbeitsalltag sind die Zustellservices. Betrachten wir alleine die Umstellung auf Elektroantriebe: Der Postbote bringt die Post und andere Kleinwaren mit dem elektrisch betriebenen DXP-Roller. Auf gewissen Postautostrecken kommen heute Elektrobusse zum Einsatz. Die Elektromobilität in der Personen- und Warenlogistik ist ein positiver Beitrag an unsere Umwelt.



Die Elektromobilität steht heute aber auch in der Kritik.

Das ist korrekt. Wir versuchen, auch hier unseren Beitrag zu leisten, indem wir auf Ökostrom setzen. In der Elektromobilität gibt es aber weitere kritische Punkte wie der Umgang mit den Batterien. Hier sind wir daran, den Batterien «ein zweites Leben zu geben», indem wir sie als immobile Zwischenspeicher gewonnener Energie aus Photovoltaik-Anlagen weiterverwenden. Die erste Umsetzung hatten wir in der Filiale in Neuenburg. Das kam nicht nur bei den Mitarbeitenden vor Ort gut an.



Und wie nimmt die Post ihre soziale Verantwortung wahr?

Auch dazu gibt es gute Beispiele: Wir fördern die kulturelle Vielfalt und Integration, setzen grossen Wert auf Barrierefreiheit, also auf Zugänglichkeit zu unserem Angebot für Menschen mit Einschränkungen. Als Arbeitgeberin schaffen wir Arbeitsplätze in der gesamten Schweiz, auch in abgelegenen Regionen. Weiter stellen wir jährlich knapp 2000 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Zudem geben wir in Form von «2x Weihnachten» etwas der Gesellschaft zurück. Zusammen mit Partnern helfen wir Menschen in Not.



Genügt dies aus Ihrer Sicht?

Solche Engagements sind Schritte in die richtige Richtung. Jedoch glaube ich, dass es neue Ideen und Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung braucht. Und es braucht ein gemeinsames Vorwärtskommen.



Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

In der vernetzten Welt von heute formieren sich viele Bewegungen. Einige agieren im Kleinen, andere erhalten viel Aufmerksamkeit. Letztere haben vor allem im Hinblick auf die Klimadebatte in kürzester Zeit Steine ins Rollen gebracht. Und dies auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Wir können uns von diesen Bewegungen inspirieren lassen. Für die Corporate Responsibility wie auch für solche Bewegungen heisst das: Durchhaltevermögen beweisen, immer wieder Anliegen platzieren, immer wieder Verständnis schaffen, immer wieder anstossen – dran bleiben, «Schritt für Schritt»!



Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Es braucht eine veränderte Haltung, eine Transformation im Denken. Dafür braucht es auch Weitblick, den wir wie damals vor über 200 Jahren wieder beweisen müssen. Diese Notwendigkeit können und dürfen wir nicht länger vor uns herschieben. Ich wünsche mir, dass jede und jeder im Rahmen der Möglichkeiten versucht, einen persönlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung beizusteuern, egal wie gross oder klein der Beitrag sein mag. Dadurch hätten wir eine gelebte Unternehmensverantwortung, und sie wäre im Kern unseres Handelns. Als Unternehmen können wir neue Ideen und Ansätze nicht alleine entwickeln. Deshalb möchten wir den Dialog und den Austausch mit der Gesellschaft, der Wissenschaft, unseren Mitarbeitenden und anderen Stakeholdern ins Zentrum stellen. Es gilt einen Weg zu finden, wie wir einander besser zuhören. Ich glaube, nur so können wir wirklich zukunftsfähige Lösungen für die Umwelt, die Wirtschaft und für uns Menschen entwickeln und verwirklichen.



Herzlichen Dank für das spannende Gespräch!


Über Anne Wolf 

Nachhaltigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Anne Wolfs beruflichen Werdegang. Die Naturwissenschaftlerin und Ökonomin ist seit 2011 Leiterin Corporate Responsibility der Schweizerischen Post. 


Anne Wolf glaubt, dass man nur mit gutem Vorbild vorangehen kann. Darum fährt sie wenn immer möglich mit ihrem E-Bike von A nach B, reist generell mit der Bahn, ernährt sich vegetarisch. Zu Hause widmet sie sich in ihrem Garten der Biodiversität und betreibt Kreislaufwirtschaft in den Bereichen, wo es geht.