«Mein Wunsch wäre eine nationale Strategie für Kreislaufwirtschaft»

Wie wir die Wegwerfgesellschaft hinter uns lassen

 

 

Raphael Fasko arbeitet als Bereichsleiter bei Rytec Circular, einem führenden Schweizer Kompetenzzentrum für angewandte Kreislaufwirtschaft. Das Unternehmen berät und unterstützt die Post bei der Erreichung von höheren Rücklaufquoten für Ressourcen und der Entwicklung von neuen nachhaltigen Geschäftsmodellen. Die Post nimmt damit ihre Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft wahr. Das Ziel: mit innovativen Angeboten eine widerstandsfähige Infrastruktur aufzubauen und damit eine echte Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen.

 

 

Was versteht man eigentlich unter Kreislaufwirtschaft?

Unter Kreislaufwirtschaft verstehe ich eine Wirtschaft, in der die Kreisläufe von Materialien ganz geplant geschlossen werden. Die Vision dabei ist, dass Produkte und Materialien immer und immer wieder eingesetzt werden.

 

 

Kreislaufwirtschaft ist also mehr als nur Recycling?

Ja. Den grössten Nutzen für die Umwelt erzielen wir, wenn wir die «inneren Produktkreise» schliessen – also Produkte reparieren und weiter einsetzen, sie nicht entsorgen, sondern weitergeben. Wenn das nicht mehr geht, können die Produkte oder Komponenten aufbereitet und modernisiert werden. Hier liegen auch grosse ökonomische Möglichkeiten für Unternehmen. Erst wenn diese inneren Produktkreise ausgereizt sind, sollte ein Produkt vollständig zerlegt, die Materialien getrennt und rezykliert werden.

 


Im Bereich Recycling steht die Schweiz ja recht gut da. Wie weit ist sie denn in der Kreislaufwirtschaft?

Ich denke, dass die Schweiz noch einiges an Potenzial hat. Unsere hohen Lohnkosten machen Reparaturen relativ teuer. Und wir leisten uns oft unnötig früh neue Produkte. Andere Gesellschaften reizen die Nutzungsdauer ihrer Produkte viel stärker aus. Wir gehören auch weltweit zu den Top-Abfallproduzenten pro Kopf. 

 

 

Welchen Weg müsste die Schweiz denn gehen, um in der Kreislaufwirtschaft vorne dabei zu sein?

Mein Wunsch wäre, dass wir bald eine nationale Strategie für Kreislaufwirtschaft entwickeln. Die Vorreiter sind Holland, Frankreich und die skandinavischen Länder. Und ich hoffe, dass sich die Wirtschaft von diesem Pioniergeist inspirieren lässt. Wir sollten neue Modelle in gut schweizerischer Manier adaptieren und perfektionieren. Dann sind wir mit unseren langlebigen und robusten Produkten in einer guten Position, um vorne mit dabei zu sein.

 

 

Welche Branchen oder Produkte haben denn in der Kreislaufwirtschaft ein besonders grosses Potenzial oder sind schon auf gutem Weg?

Besonders fortgeschritten ist die Automobilbranche. Dort ist das Remanufacturing von Komponenten seit Jahrzehnten etabliert. Lukrative Möglichkeiten für Kreislaufmodelle liegen auch in hochpreisigen Investitionsgütern wie Möblierung oder IT-Ausrüstung. Hier gibt es schon sehr interessante Lösungen wie Produkte als Dienstleistung und die Aufbereitung oder den Wiedereinsatz von Produkten. 

 

 

Wie können Konsumentinnen und Konsumenten direkt an der Kreislaufwirtschaft teilnehmen? 

Jede und jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten, indem wir Produkten ein zweites Leben schenken durch Reparatur, Wiedereinsatz oder Weiterverkauf. Seien wir ehrlich: Eine Reparatur mag auf den ersten Blick teurer erscheinen. Das ist aber nur so, weil wir die Umweltschäden der Produktion nicht mit dem Produktepreis bezahlen. Der Preis eines Neukaufs widerspiegelt nicht die wahren ökologischen und sozialen Kosten des Produktes.

 

 

Das erfordert ein Umdenken von jedem Einzelnen.

Richtig. Wir können der Wegwerfgesellschaft nur entgegensteuern, indem wir freiwillig bereit sind, für eine Reparatur etwas mehr zu bezahlen und die Produkte weniger häufig zu ersetzen.

  


Und wie können Unternehmen einen Wandel der Wegwerfgesellschaft fördern? 

Zum Beispiel indem sie den Kunden ihre Produkte nicht zum Kauf anbieten, sondern zur Langzeitmiete oder als Dienstleistung und eine Rückholung der Produkte vereinbaren. So bleiben sie Eigentümer der Produkte und können ihnen ein zweites Leben geben. Das lohnt sich auch ökonomisch.

 


Inwiefern? 

Mit diesem Modell können Unternehmen in die Entwicklung von langlebigeren Produkten investieren und durch zusätzliche Vermietungsjahre direkt profitieren. In einem Verkaufsmodell ist das nicht möglich.

 

 

Was kann ein Logistikunternehmen wie die Post zur Kreislaufwirtschaft beitragen?

Die Post kann Unternehmen dabei unterstützen, ihre Produkte bei den Endverbrauchern zu bewirtschaften. Sie kann die Produkte zur Reparatur, Aufbereitung und Modernisierung zurückholen und für den Wiedereinsatz neuen Nutzern zustellen. Da viele Hersteller heute keine eigenen Reparatur- oder Aufbereitungsangebote haben, kann die Post mit einem «Kreislauf-Partnernetzwerk» den Unternehmen eine Rundumdienstleistung für ihre Kreislaufaktivitäten bieten.


 

 

Und was kann die Post im eigenen Betrieb leisten?

Die Post selbst kauft und nutzt grosse Mengen an Produkten und Maschinen. Hier ist es wünschenswert, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um Produkte möglichst lange im Einsatz zu halten oder ihnen ein zweites Leben zu geben. Sie kann auch bei der Beschaffung Kriterien an die Kreislauffähigkeit von Produkten stellen und solche Anbieter bevorzugen. 

 


Welches ist Ihre Rolle in der Zusammenarbeit mit der Post?

Zusammen mit der Corporate-Responsibility Abteilung der Post haben wir vor vier Jahren ein Projekt in Angriff genommen. Dabei geht es um die Frage, welches die Chancen der Kreislaufwirtschaft für ein Logistikunternehmen sind.

 

 

Und wo liegen diese Chancen?

Rytec Circular unterstützt die Post als Sparringpartner bei der Integration der Kreislaufwirtschaft in die Unternehmensstrategie. Auch bei der Erarbeitung von neuen Geschäftsfeldern und der Entwicklung von Angeboten stehen wir der Post zur Seite. So konnten wir in einem Pilotversuch schon eine Beschaffung begleiten, durch die ein Hersteller zur Entwicklung einer kreislauffähigen Version seines Produktes angeregt wurde.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz? 

Ich erlebe aktuell eine grosse Dynamik. Immer mehr Unternehmen, Organisationen und auch die Politik interessieren sich für das Thema. Die Chancen werden immer besser verstanden und Unternehmen experimentieren vermehrt mit Kreislaufansätzen. Der Forschungs- und Entwicklungsstandort Schweiz ist prädestiniert, um von der Kreislaufwirtschaft zu profitieren und neue Lösungen für den globalen Markt zu entwickeln. Ich freue mich auf die neuartigen und überraschenden Lösungen, die in den kommenden Jahren entstehen werden.



Sustainable Development Goals

Die Post leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Sustainable Development Goals, kurz SDG, die sich die UNO im Rahmen der Nachhaltigkeitsagenda 2030 gesetzt hat. Sie fördert die Kreislaufwirtschaft und damit die Ziele 9 (Industrie, Innovation und Infrastruktur) und 12 (Verantwortungsvoller Konsum und nachhaltige Produktion). Hier kann die Post als innovatives Logistikunternehmen gemeinsam mit Partnern und Kunden viel zu einer nachhaltigen Entwicklung (der Schweiz) beitragen.


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